Stumme Schreie
   
 
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Heinrichsblatt Bamberg
Ein befreiender und reinigender Aspekt

„Stumme Schreie – Prosa und Lyrik aus Ebrachs Jugendknast“ als Buch erschienen

Es geht um das Schreiben, um die Befreiung im Moment der Niederschrift. „Heute haben wir eine Schreibwerkstatt errichtet. Dort reden und schreiben wir über alle möglichen Dinge wie z.B. Musik, Politik, über das Leben, von uns hier drin und draußen‘, was man alles mit dem Schreiben bewirken kann. Seine Wut nicht reinzufressen, sondern aufzuschreiben.“ So schreibt Juri K. aus Potsdam, der zur Zeit in der Justizvollzugsanstalt Ebrach einsitzt. Sein Beitrag ist nachzulesen in dem Büchlein „Stumme Schreie“, das in der Schreibwerkstatt der JVA entstanden ist.
Der Schriftsteller Wolfgang A. Senft und Leonhard F. Seidl, zwei Literaten aus Nürnberg, riefen zusammen mit Gefängnisseelsorger Hans Lyer vor gut einem Jahr die Schreibwerkstatt ins Leben. „Wir wollten damit deutlich machen, dass die Jungs, die hier im Knast sitzen, durchaus Fähigkeiten haben. Man muss ihnen nur die Chance geben, ihre Ressourcen abzurufen und ihnen Mut machen, nicht aufzugeben“, so Lyer im Gespräch mit dem Heinrichsblatt.
Mit dem Buch, das der Seelsorger beim Neujahrsempfang in Schloss Bellevue in Berlin mit einer Widmung an Bundespräsident Horst Köhler überreichte, solle ein Zeichen gesetzt werden, dass Strafgefangene ein Teil der Gesellschaft sind und sie Stück für Stück wieder in die Gesellschaft zurück begleitet werden. „Und mit der Schreibwerkstatt knüpfen wir auch an alte Ebracher Traditionen an“, meint Lyer mit einem Schmunzeln und einem Blick auf die lange Tradition der Zisterzienser in Ebrach. Und so war es auch nur selbstverständlich, dass das Buch, dessen Veröffentlichung auch vom Rotary-Club Domreiter Bamberg unterstützt wurde, in der Bibliothek des ehemaligen Zisterzienserklosters der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Viele Themen, die die Insassen der JVA Ebrach beschäftigen, kommmen in „Stumme Schreie“ zum Vorschein: „Was habe ich für Perspektiven, wenn ich wieder in Freiheit bin?“, „Was für Möglichkeiten habe ich als Drogenabhängiger?“, „Wie geht es mit meiner Beziehung, meiner Partnerschaft weiter?“ Nach Pfarrer Lyers Worten hatten die Gefangenen die Möglichkeit, sich beim Schreiben mit sich selbst auseinander zu setzen, sich etwas von der Seele zu schreiben. „Das ist ein befreiender, reinigender Aspekt“, so der 55-Jährige. Schon das Titelbild, das bei einem Open Air-Festival in Ebrach entstanden ist und einen JVA-Insassen zeigt, wie er seine Hände durch die Gitterstäbe streckt und sie im Takt der Musik bewegt, sei ein Ausdruck der Sehnsucht nach einem anderen Leben, „einem Leben, das diese Bezeichnung auch wirklich verdient“.
Lyer selbst hat den Prozess in der Schreibwerkstatt begleitet, hat die Themen mit den Gefangenen besprochen, hat die Texte mit ihnen bearbeitet. „In den Gesprächen wurde deutlich, was den Jungs auf dem Herzen liegt, über was sie gerne schreiben möchten.“ Dementsprechend wurden die Themen auch nicht vorgegeben, „sondern die Lebenswirklichkeit und die Gedanken waren der Ansatz“.
Das Überraschende dabei, dass auch religiöse Elemente mitschwingen, dass die Frage nach Gott durchaus ein Thema ist, für das die Gefangenen offen sind. So heißt es in dem Gedicht „Der letzte Anker“ von Alexander T. unter anderem: „Erkannte wieder die Freude am Leben – dank Gott und seinem Segen.“
Texte aus dem Buch hat Hans Lyer auch bei seiner Radiosendung in der JVA am Heiligen Abend verwendet. „Damit treffe ich die Menschen in ihren Lebenswelten und sie erkennen, dass sie ernst genommen werden und nicht nur eine Nummer sind.“ Für ihn als Seelsorger sei es sehr wichtig, den JVA-Insassen gerade diese Erkenntnis zukommen zu lassen. Hans Lyer: „Das ist für sie ein Prozess der Menschwerdung.“
Auch in Zukunft soll es in der JVA Ebrach eine Schreibwerkstatt geben, diese wird dann allerdings ohne Leonhard F. Seidl stattfinden, der aus dem Projekt aussteigt, da er sein Studium an der Fachhochschule Nürnberg beendet. Für Seidl hatte die Schreibwerkstatt noch eine weitere Komponente, hat er doch über dieses Projekt seine Diplomarbeit verfasst.
„Stumme Schreie“ ist erschienen im Engelsdorfer Verlag, hat 52 Seiten, kostet 8,60 Euro und ist im Buchhandel erhältlich. ISBN 3-86703-212-2.


Datum: 28.01.2007
Autor: Andreas Kuschbert