Romanauszug von Leonhard F. Seidl
   
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Mutterkorn
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Mutterkorn

Romanauszug von Leonhard F. Seidl

 

MutterkornEine dicke Nebelwand aus Rauch empfing Albin, als er in den Aufenthaltsraum kam. Torben saß mit Kai am großen Tisch. Sie spielten Karten: „Was liegt, des pickt.“

Auf der abgewetzten grünen Couch in der anderen Ecke lümmelte sich Maximilian und sah sehnsüchtig zu den Kartenspielern. Albin ließ sich neben ihn in die Couch plumpsen. Aus der kleinen Mini-Anlage dudelten die neuesten Hits, Monets Bild von der grünen Landschaft mit Teich und Brücke wirkte fehl am Platz.

Alle beobachteten Albin, wie er sich hinsetzte und eine Zigarette anzündete. Seine Hände zitterten. Er war froh, Filterzigaretten mitgebracht zu haben, aber die würden in Kürze aufgebraucht sein, wenn er so weiter qualmte. Die Tür öffnete sich und ein Typ mit schwarz gefärbten, über den Ohren ausrasierten und zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren kam herein.

„Nabend Bomber. Haste neue Musik dabei?“, begrüßte ihn Torben.

Bomber hob einen Packen CD’s hoch und gab ihn Torben.

„N` Neuer?“ Bomber nickte in Albins Richtung, der sich die CD`s ansah, die Torben auf den Tisch gelegt hatte. Albin wollte schon antworten, da kam ihm Torben zuvor: „Ja, ein Drogi.“

Bomber musterte Albin abschätzig. Der wusste nicht, ob er wütend oder traurig sein sollte. Besser wäre wütend, auch wenn er das bis jetzt noch nicht gut hinbekam. Nicht nur das sollte sich ändern. Er wandte sich wieder den CD`s zu, die Torben neben dem überquellenden Aschenbecher ausbreitete. Da fiel ihm die Tätowierung auf Torbens von Adern durchzogenem Unterarm auf. Hoffnung stieg in Albin auf, vielleicht waren die Jungs ja doch ganz in Ordnung. Torben hatte vier Buchstaben auf seinem Unterarm tätowiert: A.C.A.B. All cops are bastards. So hieß ein Lied der Punkband Slime. Aber eine der CD`s , sprach eine andere Sprache: Landser, eine der übelsten Nazibands überhaupt. Bomber und Torben bemerkten, wie Albin aufgeregter wurde.

„Na, stehste auch auf Landser?“, fragte Torben.

„Nein, ich halte nichts von Nazi-Musik.“

Maximilian und der andere Patient verstummten. Alle glotzten auf Albin. Das Radio trällerte: „Tomorrow never comes.“

Genüsslich zog Torben an der Kippe. „Und warum nicht?“, fragte er ruhig.

„Weil ich nichts von Nazis halte“, sagte Albin unbedacht.

„So, so, er hält nichts von Nazis“, sagte Torben und sah sich im Raum um. „Kann er auch sagen warum?“

Albins Zigarette brannte im Aschenbecher langsam herunter.

„Weil sie auf alle einschlagen, die nicht in ihr beschränktes Weltbild passen.“

„Bist wohl ein Linker?“

Albin zögerte. „Und?“

„Aber du hast noch nie einen Nazi geschlagen?“

„Nein. Ich war Pazifist und Gandhi war mal mein Vorbild.“

„Schön blöd“, meldete sich Kai zu Wort.

„Gandhi“, murmelte Bomber.

„Das hat sich aber geändert. Heute würde ich mich wehren“.

Torben sah ihm in die Augen. Albin hielt seinem Blick nicht stand.

„Weißt du, warum ich hier bin?“, fragte Torben. Er wartete Albins Antwort gar nicht erst ab. „Weil ich mit meinen Kameraden einen Kanaken zerlegt habe. Vielleicht würde ich es mit einer Zecke genauso machen.“ Er zog wieder genüsslich an der Zigarette. „Das war vielleicht ein Spaß. Der hat danach nicht mehr gut ausgesehen.“

„Griechisches Souflaki“, sagte Bomber und alle lachten.

„Weil ich aber besoffen war ohne Ende, bin ich jetzt hier. Vielleicht liegt ja alles an meiner Saufkrankheit?!“ Torben brach in irres Gelächter aus: „Oder an meiner schlimmen Kindheit.“ Er wandte sich von Albin ab und erklärte Kai, was er alles zu beachten hatte; er war Kais Tutor.

Albin konnte sich an den Überfall auf den Griechen erinnern. Die Glatzen hatten in einer Gaststätte Geburtstag gefeiert. Ein Faschomädchen hatte den Griechen vor dem Lokal angepöbelt und ihm ins Gesicht geschlagen. Der wehrte sich, woraufhin die anderen auf ihn losgingen, auf Kopf und Oberkörper eintraten. Erst eine Gruppe junger Türken rettete ihn.

Albin wurde übel. Wortlos ging er aus dem WG-Raum. Torbens gehässiges Lachen hörte er noch, als er bereits im Zimmer war.