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Mutterkorn - Leseprobe ...

 

Revolution

Erschienen in

Leonhard F. Seidl

Alles begann damit, dass ich ein Che Guevera-Shirt erstand. Seitdem kommt es immer wieder zu schweren Krawallen zwischen mir und der Obrigkeit. Wie kürzlich, als ich am Bahnsteig eine geraucht habe, außerhalb des gelben Quadrats. Immer Mal wieder habe ich einen Fuß über die gelbe Linie gesetzt. Und da ich besonders hart drauf war, qualmte ich gleich noch eine außerhalb der Begrenzung. Da mich die Lautsprecherstimme ermahnte, wanderte ich sofort wieder zurück ins Quadrat, und öffnete demonstrativ den Reißverschluss meiner Trainingsjacke, damit alle Che Gueveras Konterfei sehen konnten.

Frauen stehen auf Rebellen. Deshalb stellte ich mich am Hauptbahnhof auf die Gleise, in der Hoffnung, eine hübsche Sozialpädagogin würde mich retten. Gerettet hat mich dann aber keine hübsche Sozialpädagogin, sondern ein fetter Uniformierter von der Bahnsicherheit.
Auch der darauffolgende Psychiatrieaufenthalt wegen Selbstgefährdung konnte meinen Willen nicht brechen; ich musste die Revolution durchziehen. Wenn ich den Rasen gemäht, die Fenster gestrichen und das Auto gewaschen habe. Deswegen ging ich eines Nachts wagemutig über eine rote Ampel, ohne mich darum zu kümmern, ob ich ein schlechtes Vorbild war. Am nächsten Morgen gab ich die Adresse meiner Arbeit in das Navi ein, raste in die entgegengesetzte Richtung und ignorierte die süßliche Frauenstimme, die geduldig wiederholte: »Bitte bei der nächsten Gelegenheit wenden.« Trotzerfüllt brauste ich nach Österreich, wo mir auf der Autobahn der Sprit ausging. Die Polente griff mich auf dem Standstreifen auf und bat mich gleich zweimal zur Kasse: wegen des leeren Tanks und weil ich kein Pickerl hatte.
Nun war ich fast pleite. Aber zum Glück war da noch mein Sparschwein. Das musste auf dem Weg zur Unabhängigkeit sein Leben lassen. Ich zog mein Che Guevera Shirt aus und zurschlug das Sparschwein mit einem Vorschlaghammer. Auch den Plan, eine Frau zu finden, hatte ich noch nicht aufgegeben. Ich vereinbarte einen Termin bei der Schuldnerberatung. Dann saß ich vor ihr: Dagmar, eine Sozialpädagogin wie aus dem Waldorf-Bilderbuch: einfühlsam, hilfsbereit und seit 50 Jahren Single. Als wir darüber gesprochen hatten, warum ich zu ihr gekommen war, obwohl ich keine Schulden hatte, gelang es mir, mich mit ihr zum Federballspielen zu verabreden. Natürlich haben wir dann miteinander und nicht gegeneinander gespielt. Schon für das zweite Treffen verabredeten wir uns in der Schrebergarten-Kolonie »Hasensprung«, wo ich seit jenem Tag Mitglied bin.

So nahm die Revolution ihren Lauf. Dem bewaffneten Kampf habe ich aber abgeschworen, nie wieder werde ich mein Sparschwein mit dem Vorschlaghammer töten. Ich hege keine Gewaltphantasien mehr, sondern habe mich den Worten der Friedensbewegung besonnen: »Schwerter zu Pflugscharen«. Jede freie Minute reche und grabe ich in meinem Gemüsebeet. Und wenn mich wieder einmal die Ungerechtigkeit der Welt in die Fänge des Zorns treibt, dann sehe ich mir mit meiner Tochter und meinem Sohn – die ich im Andenken an meine wilde Vergangenheit Karl und Rosa getauft habe – Pippi Langstrumpf an, köpfe ein Bier mit einer Miniatur-Guillotine und esse ein Steak; aber schön blutig muss es schon sein.